Gefährliche Erinnerung

Wegen ihrer besonderen Beziehung zu Jesus hat Maria Magdalena in den Anfängen des Christentums eine herausragende Rolle gespielt. Diese besondere Rolle tritt deutlich in Texten hervor, die im vergangenen Jahrhundert vor allem in Ägypten gefunden wurden. In diesen Texten wird Petrus als der große Widersacher Marias dargestellt, z.B. im „Evangelium nach Maria“ wird berichtet, dass nach dem Weggang Jesu die Jüngerinnen und Jünger in eine tiefe Trauer und Mutlosigkeit verfallen. Maria Magdalena macht der Gruppe Mut. Aufgrund ihrer besonderen Beziehung zu Jesus nimmt sie für sich in Anspruch, mehr als die anderen zu wissen, und sie teilt dieses Wissen der Gruppe mit. Petrus in dem Text stellt sich gegen Maria und bezweifelt, dass Jesus ausgerechnet einer Frau irgendwelche zusätzliche Lehren mitgeteilt haben könnte.
Wegen der vielen mythologischen Aussagen zur höheren Bewertung des männlichen Prinzips zu Ungunsten des Weiblichen, die diesen Texten zugrunde liegen, ist es nicht möglich, den tatsächlichen historischen Gehalt der Auseinandersetzung zwischen Petrus und Maria Magdalena zu bestimmen. Es könnte tatsächlich sein, dass diese Texte Spannungen, Rivalitäten unter den Jüngerinnen und Jüngern Jesu widerspiegeln. In den neutestamentlichen Evangelien wird Maria Magdalena mit den Ereignissen um der datierbaren Kreuzigung Jesu und seiner Auferstehung in Verbindung gebracht. In diesem Zusammenhang ist sie die zentrale Person (noch vor Paulus), die bewirkte, dass die Jesusbewegung nach der Kreuzigung nicht aufhörte zu existieren. Die Erinnerung an ihre besondere Rolle in ihrem Verhältnis zu Jesus unter den Jüngerinnen und Jüngern bleibt eine „gefährliche Erinnerung“, die nicht bereit ist, die bestehenden Verhältnisse des Unfriedens und der Ungerechtigkeiten in der Kirche und in der Welt zu akzeptieren.